Fluchtgeschichten

Die Installation Fluchtgeschichten besteht aus drei Büchern, drei Tischen, drei Hockern, drei Glühbirnen.

Thematisch geht es um drei Abschnitte im Leben meiner Mutter Adelheid Scholz (1926 geb. Kessler) in den Jahren von 1933 bis 1948. Die Erlebnisse dieser Jahre wurden mir 1997 und 1998 von meiner damals 72 jährigen Mutter in mehreren, von mir auf Tonband aufgezeichneten Interviews erzählt. Die Interviews sind an einigen Stellen gekürzt aber weder zensiert oder „verbessert“. In meiner Befragung kam es mir weniger auf biografische Wahrheit als auf exemplarische Wahrhaftigkeit an.

In einem zweiten Arbeitsschritt habe ich ihre Erzählungen in assoziative Zeichnungen umgesetzt und den Wortlaut in die entstandenen Blätter eingedruckt. Die drei Buchobjekte entstanden 1999 unter Verwendung von Tusche, Grafit, Acrylfarbe, Bunt- und Wachsstift, teilweise mit eingearbeiteten Fotografien auf Papier.

Sie umfassen insgesamt 126 auf Karton montierte Blätter im Querformat 53 cm x 34 cm.

Fluchtbuch 1

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Fluchtgeschichten 1. Buch, 46 Seiten, Fotos: M. Dohle

Adelheid Kessler ist 1933 sieben Jahre alt und hat drei ältere Geschwister, als die Flucht der Familie ins türkische Exil notwendig wird. Ihr Vater, Gerhard Kessler, Nationalökonom an der Universität Leipzig, äußert sich im Winter 1932/33 in mehreren Artikeln in der Sächsischen Zeitung gegen Hitler und die Nazis. 1933 muss er, nach einer ersten Verhaftung und vorläufigen Entlassung, untertauchen. Er folgt schließlich einer Einladung an die Universität Istanbul in der Türkei.

Für Addi ist die im Dezember 1933 angetretene „Reise“ durch den Balkan und das Leben in der orientalisch anmutenden Stadt Istanbul ein großes Abenteuer. Sie ist fasziniert vom turbulenten Straßenleben, liebt das Baden im Bosporus und unternimmt mit ihren Altersgenossen Ausflüge auf die asiatische Seite der Stadt.

Ihrer Mutter Dorothea Kessler geht es während dessen zunehmend schlechter. Die seit Jahren an Rückgratverkrümmung und Depression leidende Frau verträgt das warme Klima nicht und wird ärztlich unzureichend betreut, da das Familienoberhaupt Gerhard Kessler die Arztrechnungen nicht bezahlen will. Die Spannungen in der Familie steigen derart, dass 1934 Addis Schwester Gerhild nach Deutschland zurück geht. 1938 entschließt sich ihr Bruder Hans in die USA zu emigrieren und im selben Jahr verlässt auch Gottfried die Familie nach einem Streit mit dem Vater. Addi ist nun mit ihren Eltern allein.

Fluchtbuch 2

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Fluchtgeschichten 2. Buch, 39 Seiten, Fotos: M. Dohle

Im Sommer 1939 kommt Addis Schwester Gerhild wie jedes Jahr nach Istanbul zu Besuch aus Deutschland. Auf Grund des desolaten Zustands der unzureichend versorgten, gehbehinderten Mutter planen die Frauen, mit Hilfe der deutschen (nazistischen) Botschaft, die heimliche Flucht von Mutter und Tochter zurück nach Deutschland. Addi, inzwischen dreizehn Jahre alt, muss sich erneut von liebgewordenen Freunden und von ihren Spielsachen trennen.

Am 1. September 1939, am Tag als Hitlers Truppen Polen überfallen, erreichen Addi und ihre Mutter Berlin. Addi lebt in einer Pflegefamilie, ihre Mutter wird in einem Altenheim untergebracht. 1940 erfolgt die Trennung von ihrer Mutter, da diese zur Pflege in die Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel bei Bielefeld verlegt wird. Addi bleibt in Berlin. Dort lebt sie in verschiedenen Familien und wird in den Bund Deutscher Mädchen (BDM) eingegliedert.

1943 zieht Addi zu ihrer Schwester nach Naumburg, da Berlin immer stärker bombardiert wird. Dort macht sie im Februar 1944 ihr Abitur und wird anschließend in der Nähe von Berlin zum Arbeitsdienst eingezogen.

Im November 1944 stirbt ihre Mutter.

Fuchtbuch 3

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Fluchtgeschichten 3. Buch, 41 Seiten, Fotos: M. Dohle

Mit einem Lazarettzug verlässt die scharlachkranke Addi Anfang März 1945 Berlin in Richtung Bayern. Ziel des Zuges ist ein katholisches Kreiskrankenhaus in Lauingen an der Donau. Ein Tieffliegerangriff auf das Lauinger Krankenhaus am 7. April treibt Addi erneut zur Flucht. Sie macht sich zu ihrer Schwester nach Naumburg auf. Im Chaos des zu Ende gehenden Krieges ist Addi mehr als zwei Wochen quer durch Deutschland unterwegs und gerät mehrmals in lebensbedrohliche Situationen.

Sie erlebt den Einmarsch der amerikanischen Soldaten in Benndorf bei Borna. Nach ihrer unversehrten Ankunft in Naumburg kann sie einige Monate in der Landwirtschaft arbeiten. Im Juli 1945 wird das Gebiet um Naumburg von den Amerikanern an die Russen übergeben. Addi und ihre Schwester Gerhild entschließen sich, in den amerikanischen Sektor nach Wiesbaden auszureisen, wo Gerhilds Mann im Justizministerium arbeitet. Im November 1946 erreichen sie schließlich das Aufnahmelager Eisenach, von wo aus sie nach Wiesbaden weiterreisen können. Dort bekommt Addi Arbeit im Document – Center. Sie sortiert die von den Amerikanern beschlagnahmten Nazi- und Parteiunterlagen.

Ihr Wunsch eine Ausbildung als Goldschmiedin zu beginnen, bleibt unerfüllbar. 1948 kehrt Addi, 22 jährig, in die Türkei zurück und beginnt dort eine Ausbildung zur Krankenschwester.